Meine Hirnblutung

Am 15. Oktober 2019 erlitt ich überraschend eine Hirnblutung. Eine Woche vorher war ich noch beim Hausarzt für einen Routinecheck, dort gab es keine Auffälligkeiten, alle gemessenen Werte waren super.

Auf den Tag genau passierte es 4 Monate nach unserer Hochzeit. Da ich eigentlich ein Mann war, der nie heiraten wollte und mein „Lotterleben“ (Zitat von meiner Oma) gar nicht so verkehrt fand, war die Hochzeit dennoch der absolute Glücksgriff für mich.
Nicht nur dass meine Frau als Therapeutin (Logopädin) mich Stunde um Stunde im Krankenbett therapiert hat, wovon ich stellenweise überhaupt nichts mehr weiss…
Sie ist auch so die Beste!! Und sieht dazu noch super aus. 🥰

Da haben Sie ja richtig geheiratet.

Neurologe im Erstgespräch

Anzeichen Hirnblutung ca. 14 Tage zuvor

  • Plötzliche Übelkeit mit starkem Erbrechen (ich saß im Badezimmer auf dem Boden und mein ganzer Körper war klatschnass)
  • Gangunsicherheiten (ich lief wie betrunken, knallte vor Türrahmen  oder den Kamin), die Gangunsicherheiten wurden immer schlimmer, sodass ich später sogar umgefallen bin
  • Sehstörungen (ich begann hin und wieder Doppelbilder zu sehen)

Ca. Zwei Tage vor Hirnblutung (davon weiß ich nichts mehr)

  • wollte unbedingt baden gehen, da wir keine Badewanne haben, sind wir zu meinen Schwiegereltern gefahren . Meine Frau musste mich beim Laufen stützen
  • Ich begann zu schielen, beide Augen waren auf die Nase gerichtet 
  • Ich konnte nachts nur noch mit sehr hoher Kopflage schlafen
  • Ich wollte ständig Eis essen
  • Einen Tag zuvor konnte ich nichts mehr essen, ich hatte das Gefühl mein Speichel wäre weg

Alle in meiner Umgebung wollten mich ins Krankenhaus bringen, aber ich weigerte mich. Ich war der festen Überzeugung, das geht wieder von alleine. Man konnte mich nicht ins Krankenhaus bringen, ich war noch voll zurechnungsfähig. Meine Frau hat alles versucht mich dahin zu bewegen, aber ich blieb stur. 

Nun wissen wir, alles waren Warnsignale von meinem Körper. 

Die Lust auf Eis – mein Körper versuchte sich zu kühlen
Die Hochlagerung des Kopfes – der Kopf wollte Druck reduzieren
Appetitlosigkeit – Hirnblutungspatienten verlieren den Appetit und damit bleibt die Speichelproduktion aus, daher hatte ich das Gefühl feste Nahrung nicht mehr richtig schlucken zu können. 


Tag der Hirnblutung 

Morgens gegen 10 Uhr fuhr meine Frau mit unserem Hund zum Tierarzt, die Impfung stand an- ich lag noch im Bett. Sie verabschiedete sich und ich habe ganz normal geantwortet 

Gegen 12 Uhr kam meine Frau zurück.
Ich lag im Schlafanzug auf der Couch, so als wäre ich einfach zur Seite gekippt
Auf Ansprache setzte ich mich hin, aber ich konnte nicht mehr sprechen, das Einzige was noch aus mir rauskam war „lo lo lo“ und „nein“

Meine Frau sagte, ich muss ins Krankenhaus und sie würde jetzt den Rettungswagen rufen, ich tobte, ich schrie „nein, nein, nein!“. Meine Frau beruhigte mich und sagte, sie würde mal eben ihre Eltern anrufen und rief dann den Rettungswagen. 

Der Rettungswagen kam innerhalb von 9 Minuten und beim Blutdruckmessen hatte ich einen Wert von 240/130
Sie nahmen mich mit ins Krankenhaus, freundlicherweise habe ich meiner Frau noch zugewunken als sie mich auf der Trage hinaus fuhren. 

Ich wurde nach Mönchengladbach gebracht, dort wurde ein MRT gemacht. Ich muss sehr unruhig gewesen sein und es musste abgebrochen werden. 
Man sah aber, da war etwas im Kleinhirn, Mönchengladbach beschloss mich in die Uniklinik Düsseldorf zu verlegen. Mein Blutdruck stieg derzeit auf 274/170, daher der Entschluss mich ins künstliche Koma zu legen

Als ich in Düsseldorf ankam, war meine Blutung 4mm vor dem Stammhirn. Hätte die Blutung das Stammhirn erreicht, wäre ich gestorben. Meine lebenswichtigen Funktionen, wie z.B. Atmung etc. wären ausgefallen.
Düsseldorf reagierte sofort und führte die erste OP durch. Mir wurden zwei Löcher vorne rechts in die Schädelplatte gebohrt um an die Ventrikel zu kommen. In den Ventrikeln befindet sich das Hirnwasser (Liquor), zu viel davon und der Hirndruck steigt. Mein Gehirn musste entlastet werden und so lief ein Schlauch aus meinem Kopf raus und ließ den Liquor in ein außerhalb liegendes Gefäß laufen.

Es wurden natürlich viele CT und MRT Aufnahmen zuvor gemacht.
Ich lag im künstlichen Koma, intubiert und mit jede Mengen Schläuchen, die in meinen Körper hineinliefen.
Insgesamt liefen 12 Medikamente dauerhaft in mich hinein.

Ich schlief also und wusste nichts, zu diesem Zeitpunkt wusste meine Frau auch noch nichts von alledem. Ihr wurde vom Notarzt gesagt, es wäre wahrscheinlich nur der zu hohe Blutdruck und sie würden mich nach Mönchengladbach ins Krankenhaus bringen. Sollte sich etwas ändern, man würde sich melden. Genau das geschah nicht!
Meine Frau rief erstmal ihre Familie an, packte meine Tasche in der Annahme, ich würde irgendwo nun wegen zu hohem Blutdruck auf Station liegen. Obwohl innerlich wusste sie, da war etwas Schlimmeres passiert. Der Notarzt sagte aber, man würde sich melden, aber genau das geschah nicht. Sie fuhr also zum Krankenhaus, dort traf sie sich mit ihrer Schwester und gingen auf die Suche nach mir. Vorne an der Information bekam man lediglich die Auskunft: „Ja, der war hier. Wo er jetzt ist, kann ich hier nicht sehen. Gehen Sie mal bei der Notaufnahme fragen.“

Also ab zur Notaufnahme und dort fragen. Die Beiden wurden ins Wartezimmer gesetzt und nach langen 15 Minuten durfte man in einen Behandlungsraum. Da kam recht schnell die Ärztin und gab meiner Frau meine Versicherungskarte. Es wurde gesagt, bei mir wäre etwas im Kopf und da müssten Spezialisten dran. Ich wäre im künstlichen Koma nach Düsseldorf verlegt worden. Das war der erste große Schock! 

Ab nach Düsseldorf, meine Schwägerin fuhr, da meine Frau völlig neben sich stand. Am UKD angekommen musste man nun herausfinden, wo ich überhaupt lag. An der Pforte war keiner, nach 10 Minuten klingeln bekam man nun zumindest gesagt in welches Gebäude man muss. Dort wieder nachgefragt, dort wusste man, ich lag auf der Intensivstation der Neurochirurgie. Dort geklingelt und dann hieß es warten auf die Ärztin. Die Beiden saßen 40 Minuten vor der Intensivstation bis eine Ärztin mit einem Fragebogen kam. 

Dann durfte man endlich zu mir, der Anblick muss schlimm gewesen sein. Meiner Frau hat es den Boden unter den Füßen weggezogen und meine Schwägerin war völlig schockiert. So möchte man niemanden liegen sehen. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand was noch folgen würde. 

Das UKD war sehr über das Erscheinen meiner Frau erfreut, sie hatten keine Auskunft zu meinem Familienstand bekommen. Den Ehering hielten sie anfangs für einen Schmuckring, da Mönchengladbach die Auskunft erteilte, es gäbe keine näheren Angehörigen und eine Telefonnummer hatte Mönchengladbach auch nicht mitgegeben. 


Tag 2

Meine Frau durfte jeden Morgen nach der Visite anrufen und sich erkundigen.
Ab 15 Uhr durfte sie mich besuchen
Die Ärztin kam und teilte meiner Frau mit, dass eine Hirn-OP stattfinden wird. Die Blutung müsste entfernt werden, sie hatte einen Durchmesser von 6,4 cm, lag aber zu nah am Stammhirn.

Meine Frau blieb mit ihrer Schwester bis sie mich zur OP abholten. Laut Ärzten hatte ich eine 50% Chance zu überleben.
Die OP sollte 3-4 Stunden dauern, mir wurde ein Stück des hinteren Schädelknochens entfernt und die Blutung entfernt.

Meine Frau saß Zuhause und die Zeit verging einfach nicht. Jede halbe Stunde rief sie an, aber keiner wusste etwas.
Die OP begann um 18.30 Uhr, um 23 Uhr gab es immer noch keine Information. Um 23.30 Uhr dann die Nachricht, ich hatte die OP überstanden und war stabil.


Die nächsten Tage

Die nächsten Tage ließ man mich aus dem künstlichen Koma erwachen.
Was würde ich noch können? Welche Schäden habe ich?
Man erfreute sich über die Fähigkeit des „Lippenableckens“ oder die Bewegung der Gliedmaßen. Jedoch bewegte ich meine linke Körperhälfte nicht. Meine Frau therapierte mich jeden Tag, hielt die Muskulatur in Bewegung und gab den Nerven Reize. Die Ärztin kam und sagte, meine linke Körperhälfte würde gelähmt bleiben. Die Antwort meiner Frau:

Das werden wir noch sehen.

Sie war sich sicher, die Nerven waren noch aktiv. Sie bewegte und reizte immer und immer wieder und das über Stunden. Es waren nur kleine Bewegungen, kleine Reize, aber sie hatten ihren gewünschten Effekt. Nach zwei Tagen konnte ich mein linkes Bein und meinen linken Arm leicht bewegen. Dies wurde von Tag zu Tag besser. Bei vollem Bewusstsein war ich noch nicht, ich sprach auch noch nicht, gab nur Lautäußerungen von mir. Dann kamen die ersten Wörter und in der Nacht, als man mich umlagerte, fragte ich warum man das tun würde. Die Freude war groß, ich konnte noch sprechen. 
Ich erkannte meine Frau sofort, aber ich war gute 10 Jahre zurück. Ich wusste den aktuellen Wohnort nicht, nicht welches Auto ich fuhr usw. 

Meine Frau hat jeden Tag mit mir trainiert und mir Schlüsselreize gegeben und so wurden stückchenweise die Informationen freigeschalten. Mein Gehirn spielte mir eine Menge Bilder vor, völlig unsortiert. Ich war auf einem Kindergeburtstag, dann sah ich Bilder von der Hochzeit, dann Bilder aus der Schulzeit usw.. Die Ärzte sagten, mein Gehirn würde sich langsam wieder hochfahren. 

Ich wollte nichts essen, wenn meine Frau nicht da war. Ich wollte auch nur gewohntes Essen zu mir nehmen. Also kochte meine Frau Zuhause für mich und brachte es ins Krankenhaus. Dann aß ich!
Meine Frau bestand darauf, dass ich selbst die Gabel zum Mund führte und mir kein Essen angereicht wird. Ich fand das zu dieser Zeit echt mühselig, aber sie packte die Gabel in meine Hand und führte sie kontrolliert zu meinem Mund. Dreimal rechts und dreimal links. Warum? Es sind tief verwurzelte Informationen, die das Gehirn gespeichert hat. Wir erlernen recht früh eine Gabel zu halten und das Gehirn weiß, bei dieser Bewegung kommt Nahrung. Der Speichel wird produziert und der Mund öffnet sich. Ähnlich wie bei Demenz, dort wird ebenso therapiert. Da kam also die Therapeutin wieder durch. 

Es sah alles recht gut aus und ich kam auf die normale Station. Dort blieb ich nicht lange, als meine Frau mich an Tag zwei auf Station besuchte, schrie ich vor Schmerzen, vor Kopfschmerzen. Mir lief aus den Nähten der Liquor so das Gesicht hinunter. Der Arzt meinte, es wäre nur Entzündungswasser und die Naht wäre undicht. Er nähte mich ohne eine Form von Betäubung. Mein Blutdruck war natürlich wieder viel zu hoch und ich bekam einen Blutdrucksenker nach dem anderen. Es half kaum etwas. In der Nacht kam ich wieder auf die Intensivstation.

Als meine Frau am nächsten Tag kam, lag ich schon wieder im künstlichen Koma. Nach der Lumbalpunktion stand die Diagnose fest: Meningitis
Für ein frisch operiertes Gehirn war das mit das Schlimmste was passieren konnte.
Zudem ist aus meinen Ventrikel der Liquor übergelaufen. Das ganze Gehirn, auch die operierte Stelle, war voller Liquor. Man entschied sich alles wieder zu öffnen und den Liquor abzusaugen.
Ich sollte nach zwei Tagen wieder aus dem künstlichen Koma erweckt werden. Mein Blutdruck stieg trotz der ganzen Medikamente immer wieder auf über 200/150. Trotzdem sollte ich weiter wach werden. Das nächste Problem zeigte sich als ich wach war, ich hatte ein hyperaktive Delir. Ich hatte Halluzinationen, hatte völligen Realitätsverlust, war mal aggressiv und manchmal depressiv. Das dauerte vier Tage und ich wurde mit Hilfe von Medikamenten wieder normal. Erinnerungen habe ich daran nicht. Man dachte jetzt wird es wieder besser, aber mein Kopf lief erneut voll mit Liquor. Die Nähten weichten auf und der Liquor staute sich bis in den Nacken. Ich musste erneut aufgemacht werden und wieder wurde alles entfernt. Durch den Liquor wurde die Meningitis immer schlimmer. Zudem entwickelte ich nach jeder Narkose ein hyperaktives Delir, das immer länger andauerte. Es wurde immer schwerer daraus zu kommen und der Verlauf wurde immer schwerwiegender. Mein Blutdruck war auch immer noch nicht unter Kontrolle. Die Ursache völlig unklar. Sämtliche Fachärzte wurden zu Rate gezogen, nichts kam heraus. Die Ursache ist bis heute ungeklärt!

Nach der x-ten OP hieß es plötzlich, ich könnte aus dem Koma nicht mehr richtig erwachen und würde in ein Wachkoma fallen. Meine Frau sollte es sich so vorstellen, als wäre ich in einem dunklen Raum und würde den Ausgang nicht finden. Meine Frau saß vier Stunden an meinem Bett und hielt meine Hand. Immer wieder sprach sie mit mir und drückte meine Hand. Ich sollte zurückdrücken, wenn ich sie hören würde. Nach über vier Stunden drückte ich tatsächlich zurück. Die Ärztin kam und wieder forderte meine Frau mich auf ihre Hand zu drücken, ich tat es. Ich kam zurück aus dem Koma und natürlich direkt wieder ins Delir. Dieses Delir dauerte fünf Tage. Mittlerweile waren einige Wochen vergangen und ich hatte durch das ganze Liegen über 20kg abgenommen.
Anweisung des Arztes, keine Narkose mehr wenn es nicht dringend notwendig ist. Aber, ein Arzt war sehr motiviert und setzte mir eine Narkose zum Fäden ziehen. Ergebnis: das nächste Delir! Zudem heilte meine Meningitis nicht ab, es wurde eine Lumbalpunktion nach der anderen gemacht, ich hatte nur noch Schmerzen und Panik vor der Nächsten. Meine Frau kam jeden Tag und half mich zu waschen, die Zähne zu putzen usw.
Ich war nicht mal mehr in der Lage zu sitzen. Als ich zum ersten Mal wieder ein Brokkoli-Röschen mit der Gabel aufgepickt hatte, war die Freude bei meiner Frau groß. Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, es war nur ein Brokkoli-Röschen. Aber es war wieder ein großer Fortschritt. Ich wollte oft einfach aufgeben, aber einen Satz hörte ich von meiner Frau immer wieder:

Aufgeben ist keine Option!

Wird zeitnah fortgesetzt!

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